Audiatur et altera pars

21:40 10.10.2006
by EBSON

Schon kurze Zeit nach August Horchs Gründung seiner Automobilmanufaktur 1902 in Reichenbach bei Zwickau wollte er das Unternhemen erweitern. Er sucht weitere Mitarbeiter. Das war schwierig, obwohl er höhere Löhne als die Reichenbacher Textilfabrikanten zahlte. In Leipzig kam er nicht zum Zuge, weil für den Erwerb einer Fabrikstätte das erforderliche Kapital nicht rechtzeitig zur Verfügung stand.

Horch's Pläne trafen bei dem Zwickauer Stadtrat Paul Fikentscher auf offene Ohren. Fikentscher war Präsident des von ihm 1903 gegründeten Sächsisch-Thüringischen Automobilclubs (SThAC). Als einflussreicher Fabrikbesitzer hatte dieser nicht nur Interesse an einer renditeverheißenden Kapitalanlage. Für Geschäftsverbindungen insbesondere nach Thüringen versprach er sich vom Automobil Zeitersparnis durch größere Mobilität. Wie sein Vater Friedrich Christian Fikentscher war auch er ein Förderer seiner Heimatstadt Zwickau.



Bild 1: Paul Fikentscher, Stadtrat, Handelsrichter, Major des königlich-sächsischen Reservebataillons Nr. 133 sowie Gründer und Präsident des Sächsisch-Thüringischen Automobil-Clubs, holte August Horch 1903 in die Bezirkshauptstadt Zwickau/sachsen

Über diesen ersten sächsischen Automobilclub mobilisierte Paul Fikentscher viele betuchte Bürger aus der Kreishauptmannschaft Zwickau als neue Investoren für Horch's Vorhaben. Er ging selbst mit gutem Beispiel voran und erwarb für 30 000 Goldmark die Aktie Nr. 1 des am 10. Mai 1904 neu gegründeten Unternehmens „Horch & Cie. Motorwagenwerke AG Zwickau", das eigentlich in Leipzig gegründet werden sollten. Die Investoren ermöglichten den Erwerb der ehemaligen Zeunersche Fabrik an der Crimmitschauer Straße für das Unternehmen. Horch, der Gründer und Ingenieur, hatte nur einen geringen Kapitalanteil an der Gesellschaft, mit der die industrielle Automobilfertigung in Sachsen begann. Bereits 1906 kam es zum ersten großen Unternehmenserfolg: Der Zwickauer Notar und Rechtsanwalt Dr. Rudolf Stöss gewann auf einem Horch-Automobil die berühmte Herkomer-Konkurrenz, damals die schwerste Straßenprüfung der Welt.

Schon 1909 musste August Horch aus dem Unternehmen ausscheiden. Es gab Ärger mit dem Finanzvorstand. Innovation und Rendite waren nach Meinung gewichtiger Anteilseigner nicht unter einen Hut zu bringen. Noch im gleichen Jahr gründete August Horch in der Zwickauer Lessingstraße 51 in Sichtweite der Horch-Werke eine neue Automobilfabrik, wobei ihm erneut seine engsten Weggefährten aus der Anfangszeit in Zwickau mit Kapital ausstatteten.



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Bild 2: Adressbuch Zwickau: Firma Robert Walter 1900, das spätere Audi-Werk , wurde mit Unterstützung von Kommerzienrat Paul und dessen Neffen Franz Fikentscher 1909 zum Ursprung der Audi-Werke Zwickau, dem zweiten Automobilunternehmen auf Zwickauer Gemarkung

Kommerzienrat Paul Fikentscher und sein Neffe Franz stellten August Horch zur Unternehmensgründung ein Startkapital in Höhe von 200 000 Goldmark zur Verfügung. Als Inhaber des Zwickauer Steinzeugwerks in der Reichenbacher Straße waren beide Herren angesehene sächsische Unternehmer in der Kreishauptmannschaft Zwickau. Sächsische Könige besuchten z.B. drei Mal das Fikentschersche Steinzeugwerk in Zwickau.



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Bild 3: Für die heutige Audi-Geschichte unbedeutend: Nachruf der Audi AG im Zwickauer Tageblatt vom 6. Februar 1924 auf ihren wesentlichen Mitbegründer Kommerzienrat Paul Fikentscher.

Nach der Gründung des zweiten Zwickauer Automobilunternehemens durch Horch folgte der erste Zwickauer Markenrechtsstreit, da die Marke „HORCH“ bereits in fast allen Varianten geschützt war. Der Rechtsstreit ging in letzter Instanz bis zum Reichsgericht nach Berlin. Der Unternehmer Horch verlor auch diesen Prozess.

Nach Verlautbarung von Audi-Tradition in Ingolstadt soll sich die Erfindung des Unternehmensnamens wie folgt abgespeilt haben:

Einer der Söhne von Franz Fikentscher, der erst zehnjährige Heinrich, der damals Schüler unterhalb der Sexta (das ist das dritte Schuljahr) war, soll den Geistesblitz „Audi“ gehabt haben, indem er spontan den römischen Rechtsgrundsatz zitierte: "Audiatur et altera pars" (auf Deutsch: Höre die andere Seite!).

"Audi" ist die lateinische Übersetzung von Horch! Audi steckt z.B. in Worten wie: Audit, Auditorium oder Audiovision. AUDI wurde 1910 als Unternehmensmarke in das Zwickauer Handelsregister eingetragen.



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Bild 4: HörZu 1966 - Audi-Werbung mit Fikentscher und Zwickauer Geschichte

Nach dem Ersten Weltkriege begannen Anfang der 1920er Jahren die schwersten Zeiten für die deutsche Automobilindustrie. Davon waren auch die Audi-Werke betroffen. Deutschland lief bis 1923 in die Superinflation. Absatz und Produktion brachen ein. Mit der Einführung der Rentenmark erholte sich die deutsche Wirtschaft nur langsam. Schließlich stand Audi 1928 vor dem Konkurs. DKW-Rasmussen aus Zschopau kaufte die zum Schnäppchen gewordenen Aktien der Audi AG und setzte den alten Vorstand ab. August Horch und der Vorstand Ing. Fritz Fikentscher (Sohn von Kommerzienrat Paul Fikentscher) flogen auf die Straße. Durch starke Kursverluste an der New Yorker Börse wurde 1929 die Weltwirtschaftskrise ausgelöst. Jetzt konnte selbst Rasmussen den Bankrott von Audi nicht mehr abwenden. Schließlich musste das Land Sachsen eingreifen, um den Totalverlust der sächsischen Automobilmarken zu verhindern. Die sächsische Staatsbank gründetet 1932 die Auto Union mit ihrem Sitz in Zschopau. Die Firmen DKW, Audi, Horch und dazu noch die Automobilsparte von Wanderer aus Siegmar wurden in einem Konzern vereint. Die Auto Union war nach Opel der zweitgrößte Automobilkonzern Deutschlands.



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Bild 5: Fritz Fikentscher, von 1924 bis zu seinem Tod am 10. September 1938 Präsident des Sächsisch-Thüringischen Automobil-Clubs und Audi-Vorstand mit Prokura, studierte an den Technischen Hochschulen in München, Darmstadt und Dresden Machinenbau

Horch-Wagen waren im Automobilmarkt der Luxusklasse führend. Der „kleine Horch“ lief als Audi im Horch-Werk vom Band. Im Zwickauer Audi-Werk wurden die anspruchslosen DKW-Front Zweitakter, sozusagen die Vorläufer des „Trabant", des weltweit ersten PKW mit einer kompletten Kunststoffhaut, produziert.

Die Auto Union wurde 1948 im Handelsregister Chemnitz gelöscht. Damit fielen die Marken an ihre ehemaligen Unternehmen zurück. An die Stelle der Auto Union trat der Indusrieverband Fahrzeuge (IFA), später wurde unter der Führung der SED daraus das IFA-Kombinat Karl-Marx-Stadt.

Die sächsischen Auto-Union Manager gingen nach der Machtergreifung der Roten Armee in Sachsen mit den wichtigen Geschäftsunterlagen und tausenden Mitarbeitern nach Düsseldorf und Ingolstadt, obgleich dafür vom sächsichen Steuerzahler (Landtag) keine Billigung vorhanden war (das Land Sachsen wurde erst 1952 aufgelöst). In Ingolstadt befand sich das Auslieferungslager Süd der Auto Union. Nach dem Krieg begann man hier, wie im Zwickauer Audi-Werk, mit der Produktion von DKW-Autos mit Zweitaktmotor.

Georg Milbradt, damaliger sächsischer Ministerpräsident in seiner Grußansprache vom 11. Mai 2004 zur Festveranstaltung „100 Jahre Automobilbau in Zwickau“, Zitat:

„Fast ein Viertel der Deutschen Autoproduktion vor dem Krieg stammte aus Sachsen und mit dem majestätischen Horch 8 Zylinder sicherlich auch die schönsten Autos. Diese Tradition ist nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges abgebrochen. Nicht nur die Maschinen mussten das Land verlassen. Auch das Können und Wissen ging mit vielen Köpfen nach Westen. Für eine Region wie Ingolstadt war das ein belebender Vitaminstoß. Im Übrigen nur als Anekdote: Audi gehörte seit der Weltwirtschaftskrise dem sächsischen Staat und insoweit kaufte VW den Automobilstandort Ingolstadt von uns ab.“

Im Zwickauer Horch-Werk hingegen wurde von 1955 bis1958 wieder ein repräsentativer HORCH-Wagen, der P240 „Sachsenring", hergestellt. Er hatte den 6 Zylinder OHC-Motor OM6. Die Sowjets belegten den Wagen 1958 jedoch mit einer Export-Sperre.



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Bild 6: Horch P240 Sachsenring beim Zwickauer Treffen „75 Jahre Auto Union"

Am 1. Januar 1958 kaufte Mercedes-Benz auf Betreiben seines Hauptaktionärs Friedrich Karl Flick die Auto Union (DKW-Werke in Düsseldorf und Ingolstadt). Dabei ging es besonders um die Rechte an den Marken HORCH und AUDI. Den Werken HORCH und Audi in Zwickau wurde gerichtlich untersagt, die Markennamen zu führen. Das war für die SED der Anlass zum Zusammenschluss der Horch- und Audi-Werke zum VEB (VEB=Volks-Eigener-Betrieb) Sachsenring Zwickau. Die Planwirtschaft der SED hemmte die Weiterentwicklung, weil die Werkleitung nicht frei über ihre Erlöse verfügen konnte. Über Investprojekte entschied in der DDR eine staatliche Plankommission, deren Vorsitzender bis zuletzt das SED-Politbüromitglied Günter Mittag war.

1965 kaufte VW-Wolfsburg unter der Leitung von Heinz Nordhoff das Ingolstädter Werk von Daimler Benz. Der seit 1940 ruhende Name AUDI wurde mit dem AUDI 72 wiederbelebt. Damit wollte man einen Schlusspunkt setzen, um das Zweitakt-Image abzulegen. In der Zeit der Zugehörigkeit zu Daimler Benz brachte der bekannte W169-Konstrukteur Ludwig Krauss den Mitteldruckmotor von Mercedes mit nach Ingolstadt. Keiner konnte damals ahnen, dass auch der VW-Konzern davon profitieren würde, denn der Käfer war inzwischen zu einem Auslaufmodell geworden.

VW versuchte schon zur DDR Zeit, an AUTO-UNION-Unterlagen im Staatsarchiv Dresden zu kommen. Weil die DDR permanente Devisen-Not hatte, erfand man den immateriellen Export. Mit anderen Worten: historische Dokumente der Auto-Union gegen Devisen. Ist das heute nicht auch im Licht von "spektakulären" Geschäften zu sehen? VW exportierte beispielsweise 1978 10.000 Golf I in die DDR, obwohl der Honecker-Staat permanente Devisennot hatte! Der Golf I wurde anfangs für 30.000 DDR-Mark verkauft. Das sprengte das Vorstellungsvermögen der Leute. Es hagelte Beschwerden und Eingaben an den DDR-Staatsrat. Schließlich nahm die SED den Preis des Golf auf das Niveau des "Wartburg" zurück.

Anfang des Jahres 2000 brachten VW und Ferdinand Piech mit der Gläsernen Manufaktur ein besonderes Glanzstück nach Dresden. Bis 1940 firmierte in Dresden das aus dem königlich sächsischen Kutschenbauer Gläser hervorgegangene Karosseriewerk. (Heute im Besitz der Schnellecke Firmengruppe aus Wolfsburg). Gläser lieferte wie andere bekannte deutsche Karossiers [z.B. Ambi Bud, Erdmann & Rossi (Berlin), Bauer (Stuttgart), Hornig (Meerane) oder Schumann (Zwickau)] die Karossen für viele deutsche Nobelmarken.




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Bild 7: Wiege von Horch und Audi, erbaut 1916: Horch-Bau im Jahr 2006 (heute HQM - vormals „Horch“ und „Sachsenring“- DDR)

Als nach 2002 das im Besitz von West-Unternehmern befindliche Sachsenring-Werk mit den unter Denkmalschutz stehenden Gebäuden der HORCH-Werke insolvent wurde, hätte man in der deutschen Öffentlichkeit durch den Rückkauf des HORCH-Werkes ein tätiges Zeichen als Bekenntnis zur Tradition von Auto Union und HORCH in Sachsen setzen können.




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Bild 8: Audi A8L 2002: In Stil und Linie Vorbild für VW-Phaeton

Sicherlich wäre ein HORCH Phaeton H8 aus Zwickau heute wieder in der betuchten Gesellschaft oder in der Wirtschaft exzellent verkäuflich.

Man sagt: "Zukunft ist Herkunft"!
Hat Zwickau noch Zukunfts-Chancen, wenn die Zukunft bereits in Dresden stattfindet?

Zitat:
„Der Phaeton, nun unter der Marke Volkswagen, der hier in Mosel in der Karosserie gebaut wird - nebenbei bemerkt: Die Internationalität dieses Standorts zeigt sich ja auch dadurch, dass die Karosserie des Bentley hier gebaut wird. - Aber Tradition zu bewahren heißt eben nicht, die Asche aufzubewahren, sondern das Feuer am Leben zu erhalten.“
(Bernd Pischetsrieder, damaliger VW-Vorstandsvorsitzender, Ansprache am 11. Mai 2004 zur Festveranstaltung „100 Jahre Automobilbau in Zwickau“)

Hardy Domingo
Westsächsische Rundschau

Literatur:

Müller, Wolfgang, Landau, 1996: „Begegnung mit Fikentscher"
Pönisch, Jürgen, Zwickau, 2000: „100 Jahre HORCH Automobile"
Pönisch, Jürgen, Zwickau, 2001: „August Horch - Pionier der Kraftfahrt"
Kirchberg, Peter, Ingolstadt, 2004: „HORCH - Prestige und Tradition"
Lang, Werner, Aue, 2007: „Wir Horch-Arbeiter bauen wieder Fahrzeuge"

weitere Quellen:

Stadtarchiv Zwickau
Staatsarchiv Chemnitz
Deutsche Wikipedia

siehe auch:
Autojuwel-Archiv, 2006: „Die Ursprungsfrage - ein Familienbeitrag"
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